Ein Bänkelgesang

Giovannis Wiege stand im ligurischen Land

Mit dem ihm lebenslange Sehnsucht verband

Er lebte arm und das war gar nicht gut

Den Eltern sank wohl auch ziemlich oft der Mut

Da kam ein Impressario in den kleinen Ort

Und der versprach den Eltern Hilfe auch sofort

Giovanni sollte mit dem Mann mitgeh’n

Der Junge weinte, denn er war doch erst zehn

Der Impressario sagte: Junge musst das verstehen

Ich brauche dich zum singen, tanzen, orgeldreh’n

Mäuse dressieren lernte er im nu

Das Klauen auch, das gehört’ damals dazu

Bei Wind und Wetter singt er in Londons Gassen

Und kann sein Schicksal noch gar nicht fassen

Jahre später trifft er ’nen Landsmann an

Der ihm das Walzenstechen beibringen kann

Giovanni wollte nicht länger in London sein

Darum schiffte er sich bald nach Hamburg ein

Verliebt sich dort in Rosas roten Mund

Neun Monate später war sie kugelrund

Kurz vor der Niederkunft war es endlich soweit

Giovanni heiratet Rosa in einem schönen Kleid

Die Freud’ war kurz, seht hier das kleine Grab

Das Brautpaar trauert, denn das Kindlein starb

In Hamburg bleibt Giovanni keine lange Zeit

Die Familie wächst, die Welt ist groß und weit

Trifft in Berlin noch mal den Landsmann an

Mit dem er sich zum Orgelbau’n zusamm’tun kann

In einer engen Stube bei Kerzenschein

Bauen sie Melotons, dabei die Kinder schrei’n

Nun hört man Orgelklänge auf’m Hof

Berliner Lieder, Verdis Arien gar nicht doof

Um die Drehorgel aber über’n Hof zu führen

Muss der Drehorgelspieler zahlen Leihgebühren

Müde am Abend bringt er die Orgel wieder

Und spielt am nächsten Tag wieder die gleichen Lieder

Die Firma blüht der Landsmann aber der fährt heim

Zwei neue Partner steigen in’s Unternehmen ein

Die Orgeln sprechen sich in Berlin rum

Doch auch die Amis, ja die rissen sich darum

Giovannis Söhne bauten dann Orgeln mit

Doch stritten sehr, die Firma die war da kein Kitt

Giovanni aber gibt so schnell nicht auf

Und rät: macht jeder doch ’ne eigene Firma auf

Und wollt ihr eins der alten Gebäude seh’n

Müsst ihr nur in die Schönhauser 74 geh’n

Und manchmal hört man noch ’ne Orgel klingen

Und sieht ’ne Oma und Opa dazu singen.

Ein Projekt des Kinder & JugendMuseums Prenzlauer Berg in Kooperation mit der Thomas-Mann-Grundschule Prenzlauer Berg. Erarbeitet, getextet und vorgetragen von Schülern der 5. und 6. Klasse.

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